Der Leuchtturm

 

 

1.

 

Nur noch eine letzte Kehre, dann haben wir es so gut wie geschafft. Endlich, dachte Paul, denn diese steile Serpentinenstrecke mit ihren mindestens vierzig engen Kurven war er noch nie gern gefahren.

 

Er war mehr als froh, gleich die Felsebene hoch über dem Meer zu erreichen. Dort verlief die schmale, mit Schlaglöchern übersäte Straße schnurgerade auf den Leuchtturm zu, und in wenigen Sekunden müsste das schon lange nicht mehr in Betrieb befindliche Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert in Sichtweite sein.

 

Doch als Paul den Kombi vorsichtig aus der Linkskurve heraus steuerte, war er überrascht und trat heftig auf’s Bremspedal, denn mit einer weiteren Kurve hatte er nicht gerechnet.

 

„Paul, was ist los?“, fragte Lea, die Pauls abruptes Bremsmanöver aus ihren Schlummer gerissen hatte. Irritiert stellte sie fest, dass ihr Wagen vor einer scharfen Rechtskurve zum Stehen gekommen war.

 

„Ich glaub’ es nicht“, stöhnte Paul, „ich hätte schwören können, dass wir gerade die letzte Kurve passiert haben.“ „Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt“, meinte Lea. „Warum fährst du nicht einfach weiter bis wir am Ziel sind? Es kann ja nicht mehr weit sein.“

 

„Ich kenne doch die Strecke ganz genau“, erwiderte Paul, und in seiner Tonlage schwang eine deutliche Erregung mit. „Wo die vertrocknete, große Pinie neben dem kantigen Felsblock steht, genau da beginnt die letzte Kurve. Und da sind wir ja gerade vorbeigekommen, folglich müssten wir jetzt auf dem geraden Fahrweg der Ebene sein. Aber sind wir das? Nein!“

 

Dieses „Nein!“ hatte Paul fast geschrien, so dass Lea zusammenzuckte und sich durch den aggressiven Tonfall irgendwie persönlich angegriffen fühlte. „Spinnst du?“, fragte sie verärgert, „ist es etwa meine Schuld, dass du die Strecke anscheinend anders in Erinnerung hast als sie tatsächlich verläuft?“ Ein wenig sanfter meinte sie dann: „Möglicherweise verwechselt du sie mit einer anderen Route, das kann ja mal passieren. In diesem Küstengebirge sind wir schließlich schon einige Male unterwegs gewesen. Am besten, du fährst jetzt einfach weiter und beruhigst dich ein wenig.“

 

„Wenn du mir nicht glauben willst, kann ich das auch nicht ändern“, erwiderte Paul und klang dabei nicht mehr aggressiv, sondern eher eingeschnappt oder patzig wie ein kleines Kind. „Aber schön, wie du willst, dann fahr ich jetzt eben wieder los.“

 

Paul gab tüchtig Gas, so dass der Kombi einen Satz nach vorne machte, was Lea dazu veranlasste, mahnend „Paul!“ zu rufen, worauf dieser in den zweiten Gang schaltete und den Wagen, ohne weiter zu beschleunigen, in die Rechtskurve steuerte. Sofort wurde diese enge Kurve von einer scharfen Linkskurve abgelöst, die dann wiederum in eine Rechtskurve überging.

 

Und so setzte es sich vielleicht noch fünf Minuten fort, eine Kurve folgte auf die nächste, und jede neue Kehre veranlasste Paul zu einem Kommentar: „Das darf doch nicht wahr sein“, stöhnte er oder rief „Ich werd verrückt“. Dann fragte er „Ja dreh ich denn jetzt total durch?“, um bei der nächsten Kurve festzustellen: „Ich glaub’, ich bin im falschen Film!“

 

Lea schüttelte nur den Kopf, sagte aber kein Wort. Dieser merkwürdige Zustand von Paul ist hoffentlich gleich vorbei, dachte sie. Allerdings wunderte sie sich jetzt selbst ein wenig darüber, dass sie immer noch in dieser nicht enden wollenden Serpentinenstrecke herumfuhren, und die Steigung anscheinend noch zugenommen hatte.

 

Das ist schon merkwürdig, fand sie, denn sie konnte sich nicht erinnern, von der Küstenstraße hoch bis zum Leuchtturm so lange und durch so viele Kurven gefahren zu sein.

 

Als sie endlich mit ihrem Kombi auf die gerade Straße einbogen und Lea den Leuchtturm sehen konnte, stieß sie einen Seufzer aus und ließ ein erleichterndes „Gott sei dank“ folgen, während Paul zu ihrem Erstaunen stumm blieb.

 

„Na also“, sagte Lea, während sie sich dem Turm stetig näherten, „da ist ja das alte Gemäuer.“ Einen versöhnlichen Ton anschlagend fügte sie hinzu: „Ich denke, wir werden langsam alt, Paul, denn unser Erinnerungsvermögen scheint deutlich nachgelassen zu haben.“

 

Pauls Reaktion bestand nur aus einem mürrischen Brummen. Beide sahen jetzt, dass neben dem Leuchtturm, halb verborgen von einer Bergkiefer, ein Auto stand. „Der Wagen sieht aus wie der Bulli von Svenja und Tim“, sagte Lea, „die Farbe passt auf jeden Fall, und die Box auf dem Dachgepäckträger auch. Prima, dann haben sie unseren Treffpunkt anscheinend problemlos gefunden, obwohl ihr Navi schon uralt ist, wie Svenja mir am Telefon verraten hatte, bevor sie in Köln losgefahren waren.“

 

Paul blieb weiterhin stumm, was Lea jetzt ein bisschen ärgerte, aber sie hoffte, dass sich die düstere Stimmung ihres Mannes schlagartig aufhellen würde, wenn sie beide gleich ihre Freunde herzlich begrüßen und in die Arme schließen konnten.

 

Paul parkte den Kombi ein paar Meter hinter dem Bulli, dessen Kölner Kennzeichen kein Zweifel daran ließ, dass es sich bei diesem Fahrzeug um den betagten, roten VW-Bus von Svenja und Tim handelte.

 

Lea stieg als Erste aus, während Paul seinen rechten Arm ausstreckte und mit der Hand im Handschuhfach kramte, so als suche er nach einem Gegenstand, der in diesem Augenblick außerordentlich wichtig für ihn war. 

 

Was soll’s, dachte Lea, vielleicht hofft er ja, dort seine Sonnenbrille zu finden, die er vor einem Jahr wer weiß wo verloren hat. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir alle zusammen am vereinbarten Treffpunkt sind – und dann wird alles wird gut werden, richtig gut sogar. Lea war überzeugt davon, die vor ihnen liegenden gemeinsamen zwei Urlaubswochen würden sich als wunderschön erweisen.

 

2.

 

Schon als sie drei Schritte gemacht hatte, sah sie, dass die rechte Schiebetür des Bullis offen stand. Ihr fiel auch die komplett herunter gelassene Scheibe des Fahrertür-Fensters auf. Nach ein paar Blicken erkannte sie, dass sich niemand im Innern des Fahrzeugs befand. Sie schaute noch auf den Rücksitz und stellte fest, dass die Rucksäcke von Svenja und Tim dort lagen. Merkwürdig, dachte Lea.

 

Doch noch merkwürdiger fand sie, dass ihre Freunde den Bus unverschlossen zurückgelassen hatten – und sie anscheinend auch vergessen hatten, die offen stehende Schiebetür und das geöffnete Seitenfenster zu schließen. Das sieht Svenja – und vor allem dem stets auf Sicherheit bedachten Tim – überhaupt nicht ähnlich, dachte Lea.

 

Vielleicht blieb ihnen auch gar keine Zeit, Tür und Fenster zu schließen, überlegte sie – wollte sich über diese Möglichkeit allerdings nicht weiter den Kopf zerbrechen. Es macht hier einfachen keinen Sinn zu spekulieren, dachte sie.

 

Eine Stimme hinter ihr ließ Lea zusammenzucken, doch dann erkannte sie, dass es Pauls Stimme war. Anscheinend hat Mister Schlechte Laune sich endlich einmal bequemt auszusteigen, dachte sie. Mittlerweile dicht neben ihr stehend sagte Paul: „Sie sind bestimmt in den Leuchtturm gegangen, denn ich habe gerade bemerkt, das die Eingangstür des Turms offen steht. Sonst war sie ja stets verriegelt, wenn wir hier oben waren.“

 

„Und warum haben die beiden ihren Bus nicht abgeschlossen und wie zur Einladung herumstreunender Diebe auch noch Tür und Fenster sperrangelweit offen gelassen?“, fragte Lea. „Keine Ahnung“, erwiderte Paul, „aber seltsam ist das schon.“

 

„Und du meinst wirklich, Svenja und Tim sind in den Leuchtturm hinauf gestiegen?“, fragte Lea. Paul zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“, meinte er.

 

„Dies könnte nicht ungefährlich sein“, gab Lea zu bedenken, „schließlich ist der Turm schon sehr lange nicht mehr in Betrieb und sieht ziemlich baufällig aus. Wer weiß, in welchem Zustand die Treppe ist, noch dazu, wenn sie aus Holz gebaut sein sollte. Aber auch Steinstufen halten nicht eine Ewigkeit lang. Außerdem muss man ziemlich weit hinauf steigen, ich schätze, dieser Leuchtturm ist mindestens fünfzig Meter hoch. Und denkst du nicht, dass ein Betreten des Turms verboten ist?“

 

„Kann sein“, antwortete Paul, „aber ein Verbotsschild kann ich nirgendwo entdecken. Und zu deiner Annahme, unsere Freunde seien bestimmt nicht im Turm zu finden: Wo sollen die beiden denn sonst sein? Ohne Auto und zu Fuß? Schau dich doch einmal um, von hier aus hast du einen freien, kilometerweiten Blick über die gesamte Hochebene.“

 

Wie um seine Worte zu untermauern, ging er ein paar Schritte weiter, vom Turm weg, blieb stehen, hielt eine flache Hand wie ein Späher über die Augen und drehte sich dabei langsam im Kreis. „Ich sehe nirgendwo einen Menschen“, rief er, als befinde sich Lea gar nicht in seiner Nähe, „und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich irgendjemand hinter der krüppeligen Kiefer versteckt, die dort hinten wächst.“

 

Paul zeigte mit seinem rechten ausgestreckten Arm dorthin, wo in ziemlich weiter Entfernung ein grün-bräunlicher, kleinwüchsiger Nadelbaum auszumachen war, der seine besten Zeiten bereits hinter sich zu haben schien.

 

„Also gut“, sagte Lea, und ihr Gesichtsausdruck hatte sich deutlich verfinstert, „dann werfen wir halt mal einen Blick in den Turm, auch wenn ich immer noch nicht glauben kann, dass die beiden sich dort aufhalten. Aber wenn doch, dann müssten sie unsere Ankunft eigentlich schon längst bemerkt haben“.

 

Und dann fiel ihr ein, dass sie es noch gar nicht probiert hatte, Svenja und Tim mit ihrem Handy zu erreichen. Sie holte ihr Smartphone aus der Jackentasche, doch noch bevor es hoch gefahren war, meinte Paul: „Spar dir die Mühe. Ich habe es vorhin mit meinem Handy schon probiert, hier oben haben wir Null Empfang.“

 

„Das ist natürlich blöd“, sagte Lena und machte ein enttäuschtes Gesicht. „Dann müssen wir wohl oder übel deinem Vorschlag folgen.“ „So sieht’s aus“, meinte Paul, „dann also auf zur Turmbesteigung“, und dabei konnte er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

 

Lea achtete nicht auf ihn und lief zur Fahrerseite ihres Autos. „Wir sollten auf jeden Fall meinen kleinen Rucksack und deinen ledernen Umhängebeutel mit dem Geld und den wichtigsten Dokumenten mitnehmen, bevor wir das Fahrzeug abschließen“, sagte sie. „Und natürlich überprüfen, ob alle Fenster geschlossen sind.“

 

„Geht klar, Chefin“, sagte Paul und bemühte sich, dabei ein ernstes Gesicht zu machen. „Ich warte dann im Schatten des Leuchtturms, bis du zurück bist.“ „Nein, nein, Paul, so haben wir nicht gewettet“, entgegnete Lea, hörbar entrüstet. „ Ich betrete keinesfalls allein dieses alte Gemäuer, und hinauf steige ich erst recht nicht solo, egal, in welchem Zustand die Treppe ist. Du wirst mich schon begleiten müssen.“

 

„Kein Problem“, sagte Paul, „dann hole ich schon mal deinen Rucksack und meinen Beutel aus dem Auto.“ Als er mit Bag und Beutel über die Schulter gehängt vor dem Kombi stand und das Fahrzeug per Zündschlüssel verriegelte, sagte Lea. „Wie sollten unbedingt auch unsere Taschenlampe mitnehmen. Ich denke, sie liegt im Kofferraum, in dem Korb mit dem Erste-Hilfe-Set und den Ersatz-Birnen.“

 

Paul zog eine kleine LED-Taschenlampe aus seiner Hosentasche, hielt sie demonstrativ hoch und meinte: „Ich hab’ sie schon, sie lag im Handschuhfach.“ Etwas verblüfft erwiderte Lea: „Ach so, na okay, dann überprüfen wir jetzt noch die Autofenster – und danach kann’s losgehen. Aber du gehst als Erster in den Turm, Paul. Und wenn wir denken, es wird zu gefährlich, dann kehren sofort wieder um.“

 

„Nichts gegen einzuwenden“, erwiderte Paul. „Du bildest dann halt die Nachhut. Aber du wirst sehen, dass wir im Turm keiner Menschenseele begegnen werden“. Schelmisch lächelnd fügte er hinzu: „Vom Skelett des letzten Wärters einmal abgesehen. Und der hat seine Seele schon vor langer Zeit ausgehaucht.“

 

„Du und dein seltsamer Humor“, meinte Lea, doch irgendwie hatte Pauls Bemerkung ihre gedrückte Stimmung ein wenig aufgehellt, auch wenn das die Sorge über den Verbleib ihrer Freunde nicht vertreiben konnte.

 

3.

 

Während Paul mit großen Schritten auf den geöffneten Eingang des Leuchtturms zueilte, so dass Lea Mühe hatte, ihm zu folgen, schoben sich dunkle Wolken vor die Sonne. Paul hatte den Eingang fast erreicht, als Lea irgendetwas dazu veranlasste, sich umzudrehen. Doch da war nichts, außer dem Meer, das eine graue Farbe angenommen hatte.

 

Auf den Wellen sah Lea weiße Schaumkronen, und mit einem Mal begann sie zu frösteln. Als sie sich wieder umdrehte, war Paul verschwunden. Er ist bestimmt schon reingegangen, dachte sie. „Paul“, rief sie und beschleunigte ihre Schritte. „Warte auf mich“.

 

Vor der geöffneten Tür stehend sah Lea im dämmerigen Inneren einen hellen Schein, der wahrscheinlich von Pauls Taschenlampe stammte. Sie zögerte weiterzugehen und rief noch einmal den Namen ihres Mannes.

 

Diesmal antwortete er ihr. „Komm ruhig rein, Lea“, hörte sie Pauls aus dem Turm dringende Stimme, die ihr durch einen merkwürdigen Hall etwas unheimlich vorkam. „Ich habe bislang noch kein Gespenst gesehen. Aber pass auf die Gesteinsbrocken auf, die hier überall herumliegen. Ich werde mit der Taschenlampe leuchten, damit du nicht darüber stolperst und dir einen deiner zarten Knöchel brichst.“

 

„In Ordnung, Paul“, rief Lea, „ich werde aufpassen.“ Doch ein beklemmendes Gefühl ließ sie weiterhin vor der offen Tür verharren. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass es ihr sie so schwer fallen würde, den Turm zu betreten, obwohl Paul schon drin war.

 

Sei nicht albern, Lea, sagte sie zu sich selbst, gab sich einen Ruck und machte ein paar vorsichtige Schritte. Sie ging durch die recht schmale und kaum mannshohe Türöffnung, bis sie im Licht von Pauls Taschenlampe vor mehreren Gesteinsbrocken stehen blieb. Die sind wahrscheinlich aus den Turmwänden herausgebrochenen, dachte Lea. Das spricht nicht unbedingt für einem guten Zustand der Turmmauern. Eigentlich sollten wir schleunigst dieses alte, zerbröselnde Gemäuer verlassen.

 

„Steig einfach über die Steine“, sagte Paul, dessen Stimme hier im Turm-Inneren noch stärker hallte. „Bis zum Beginn der Treppe kannst du dann problemlos gehen. Folge einfach dem Strahl der Taschenlampe.“

 

Lea brauchte eine Weile, bis sie mit aller Vorsicht über die Brocken gestiegen war. Einige Steinstücke wiesen bedrohlich aussehende, spitze Zacken auf, andere waren so zersplittert, als hätte jemand mit einem Vorschlaghammer auf sie eingedroschen. Hier möchte ich lieber nicht stolpern und hinstürzen, dachte Lea.

 

Nachdem sie die Hindernisse überwunden hatte, setzte sie behutsam einen Fuß vor den anderen, bis sie unmittelbar vor Paul stehen blieb. Ohne Pauls Taschenlampe würden wir jetzt kaum etwas sehen, dachte sie.

 

Ihr fiel ein, dass sie draußen nur wenige, kleine Turmfenster bemerkt hatte. Weil deren hölzerne Läden geschlossen sind, kann so natürlich kein Licht in den Turm strömen, dachte sie, abgesehen von den wenigen Strahlen, die durch die kleine Eingangstür hineindringen. Doch denen gelingt es nur, eine mit Blicken kaum zu durchdringende Dämmerung zu schaffen.

 

„Gut gemacht, Lea“, lobte Paul. „Ich habe mich hier unten schon etwas umgeschaut, aber außer den Gesteinsbrocken, ein paar alte, faulige Holzkisten, einem verrosteten Metalleimer und halb verwesten Ratten habe ich nichts Erwähnenswertes entdeckt.“

 

Paul schnüffelte und verzog angewidert das Gesicht. „Allerdings finde ich diesen Geruch hier drin kaum erträglich, obwohl die Tür ja geöffnet ist, es fragt sich nur wie lange beziehungsweise kurz schon. Auf jeden Fall riecht es muffig-feucht und stark nach Leiche, was nicht gerade mein Geschmack ist.“

 

Auch Lea registrierte jetzt den üblen Geruch und befürchtete, dass ihr schlecht werden könnte, sollten sie hier noch länger verweilen. „Hast du dir die Treppe schon angeschaut?“, fragte sie. „Hab ich“, antwortete Paul, „ so weit ich es sehen kann, sind die Steinstufen begehbar. An einigen Stellen sind zwar Stücke herausgebrochen und haben sich Risse und Spalten gebildet, aber wenn wir gut aufpassen, sollte eigentlich nichts passieren.“

 

Lea blickte auf die ersten Stufen, die von Pauls Taschenlampe erhellt wurden. Von wegen nichts passieren, dachte sie. Sie zweifelte ernsthaft daran, dass man auf diesen maroden, äußerst brüchig aussehenden Stufen gefahrlos nach oben steigen konnte.

 

 

Sie sah kurz nach oben, doch dort war es so düster, dass sie nichts erkennen konnte. Aber hier unten fiel Lea etwas auf, was ihr mulmiges Gefühl noch verstärkte. Die Steintreppe, die sich entlang den Außenwänden nach oben wand, war zum Turminneren nur durch ein dünnes, fragil wirkendes Metall-Geländer gesichert, und Lea konnte hier unten im matten Licht von Pauls Lampe erkennen, dass an einigen Stellen des hölzern aussehenden Handlaufs Stücke fehlten.

 

Wahrscheinlich ist die ganze Konstruktion altersschwach, dachte sie, obwohl sie annahm, dass dieses Geländer wahrscheinlich erst viele Jahr nach dem Bau des Turms angebracht worden war. Das Holz des noch vorhandenen Handlaufs ist morsch, feucht und wurmstichig, dachte sie, und die Streben des Metallgeländers sind völlig verrostet.

 

Lea nahm sich vor, dicht an der Wand entlang zu gehen, möglichst weit weg vom Geländer und dem Abgrund. Es ist der reine Wahnsinn, angesichts dieser Verhältnisse nach oben zu gehen, dachte sie.  

 

„Sollen wir nicht erst einmal nach Svenja und Tim rufen, bevor wir riskieren, uns den Hals zu brechen?“, fragte Lea. „Wenn sie oben im Turm sein sollten, müssten sie uns doch bestimmt hören.“ „Wenn du meinst“, antwortete Paul. Ich schlage vor, dass wir dann gemeinsam rufen, so laut wir können. Zunächst nach Svenja und dann nachTim. Also bei drei: eins …zwei … drei!“

 

Im Duo riefen sie die Namen ihrer Freunde, und danach noch einmal – und ein drittes Mal. Ihre Rufe hallten laut in dem alten Turm wider, und Lea fand es ziemlich schaurig. Sie warteten noch eine Weile darauf, ob Antworten auf ihre Rufe kämen, doch es blieb still.

 

4.

 

„Na, wenn sie das jetzt nicht gehört haben, sind sie auch nicht oben“, sagte Lea und legte viel Überzeugungskraft in ihre Stimme. „Da können wir nicht sicher sein“, erwiderte Paul. „Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass ihnen da oben oder irgendwo auf der Treppe irgendetwas zugestoßen ist, auch wenn ich das natürlich nicht hoffe. Aber deshalb sollten wir uns auf jeden Fall Gewissheit verschaffen und nachschauen.“

 

Lea wusste, dass ihr Mann recht hatte. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als auf der gefährlich aussehenden Treppe bis nach oben zu steigen. Sie mussten absolut sicher gehen, dass ihre Freunde sich nicht im Turm aufhielten.

 

Die Vorstellung, Svenja und Tim könnten hier verunglückt sein, und zwar alle beide so schwer, dass keiner fähig wäre, durch Rufen auf sich aufmerksam zu machen, versetzte Lea in Angst und Schrecken. Nein, es kann einfach nicht sein, dachte sie, aber wenn doch?

 

Pauls Stimme riss sie aus ihren dunklen Gedanken. „Wir machen es so: Ich gehe ein paar Stufen voraus, bleibe dann stehen und leuchte mit der Taschenlampe nach unten, damit du die Stufen gut sehen und mir sicher folgen kannst. Und falls es eine heikle Stelle zu überwinden gibt, dann warne ich dich vorher. Ist das okay für dich?“

 

Lena bekam nur ein zaghaftes, unsicher klingendes „Ja“ über die Lippen, aber Paul genügte das, um mit dem Aufstieg zu beginnen. Die ersten Stufen war nur von Steinstaub und kleineren Gesteinsbrocken bedeckt, was Paul nicht problematisch fand, trotzdem rief er: „Lea, hier liegt viel Staub und Dreck auf der Treppe, du solltest aufpassen, dass du nicht ausrutschst. „Okay, Paul“, erwiderte Lea.

 

Paul kamen die Stufen viel höher vor als bei Treppen, die er aus Wohnhäusern oder Bahnhöfen kannte. Als er fünfzehn Stufen erklommen hatte und schätzungsweise die Hälfte der ersten Wendeltreppen-Drehung vorangekommen war, blieb er stehen und rief Lea zu: „Ich leuchte jetzt nach unten, so dass du die Stufen möglichst gut erkennen kannst. Sag Bescheid, wenn es passt.“

 

Lea wartete, bis der Lampenstrahl die ersten Stufen vor ihr erfasst hatte, und rief dann: „So ist’s gut, Paul, halte die Taschenlampe weiter in diese Richtung.“

 

Vorsichtig, ihre rechte Schulter immer möglichst nah an der Turmwand, absolvierte sie die ersten sieben Stufen. Genau wie Paul erschienen sie ihr ein ganzes Stück höher als normalerweise, was sie recht seltsam fand. Dann bat sie Tom, den Lichtstrahl etwas weiter nach oben und ein wenig nach links zu richten, und ging behutsam weiter.

 

Als sie die letzte Stufe unterhalb von Toms Standpunkt erreicht hatte und das Licht der Taschenlampe ihre staubbedeckten Schuhe beleuchtete, wurde Lea von einen lauten Knall über ihr aufgeschreckt. Sofort danach hörte sie ein Prasseln und Poltern, als würden schwere Steine oder Schutt die Treppe herunter stürzen. Zeitgleich sah sie, wie Steinbrocken am Geländer vorbei nach unten fielen und mit einem lauten Bersten auf dem Boden aufschlugen.

 

Sie selbst traf nur ein kleinerer Stein an der linken Schulter, wo ihre Jacke den Aufprall milderte, so dass sie kaum etwas spürte, allerdings war sie von einer dichten Staubwolke eingehüllt. Sie musste husten –  und ein paar Sekunden lang konnte sie nichts mehr sehen.  Als das Atmen wieder leichter fiel und der Staub sich gelegt hatte, stellte Lea im Licht von Pauls Taschenlampe fest, dass sie von Kopf bis Fuß von einer grauen Schicht bedeckt war.

 

Tom, der jetzt neben Lena stand, legte einen Arm um ihre Schulter. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er. „Ich denke schon“, erwiderte sie, „aber der Schreck steckt mir noch in den Gliedern.“ „Das kann ich verstehen“, meinte Paul, „ich habe mich auch fürchterlich erschrocken.“ „Ich glaube wir haben viel Glück gehabt“, sagte Lea, „es hätte Böse ausgehen können. Meinst du nicht, wir sollten lieber umkehren?“

 

„Du kannst gern umkehren, wenn deine Angst so groß ist“, erwiderter Paul, „damit habe ich kein Problem. Ich werde aber jetzt nicht aufgeben, nur weil ein paar lose Steine herabgefallen sind. Schließlich halte ich es immer noch für gut möglich, dass unsere Freunde da oben sein könnten und vielleicht unsere Hilfe brauchen.“

 

Plötzlich verzog Paul das Gesicht. „Halt mal kurz, bitte“, sagte er und reichte Lea die Taschenlampe Dann holte er ein Taschentuch aus seiner Jacke und hielt es vor Mund und Nase, während er mehrmals heftig nieste. „Dieser verdammte Staub“, schimpfte er, als der kleine Niesanfall vorüber war. „Gib mir bitte die Taschenlampe zurück“, sagte er, „wer weiß wie lange der Akku noch Saft hat. Deshalb sollte ich jetzt gleich weiter diese Treppe hinaufgehen.“

 

„Ich fürchte, dass du dich von deinem Vorhaben nicht abbringen lässt, „sagte Lea, „obwohl ich mir weiterhin nicht vorstellen kann, dass unsere Freunde sich hier im Turm befinden.“

 

Paul verdrehte die Augen und seufzte. „Ach Lea, du kennst doch Tims notorische Neugierde, immer muss er einer Sache auf den Grund gehen, egal um was es geht oder ob etwas wichtig ist oder nicht. Die offene Leuchtturm-Tür hat ihn bestimmt gereizt, nachzuforschen, was dahinter stecken könnte. Vielleicht hat er auch vermutet, in dem alten Gemäuer gebe es irgendein Geheimnis, das bislang noch niemand lüften konnte. Und was Svenja betrifft, du weißt doch genau, dass sie so gut wie nie von Tims Seite weicht. Wie eine Klette eben.“

 

Da Paul den Strahl der Taschenlampe jetzt auf ihre Füße gerichtet hatte, blieb Lea das verächtliche Grinsen verborgen, das während Pauls letzen Worten in seinem Gesicht aufgetaucht war. „Dann geh doch weiter, wenn du nicht anders kannst“, sagte Lea, „ich wünsche dir viel Glück.“

 

Paul hörte aus Leas Stimme Trotz und Unverständnis heraus, doch er wollte sich jetzt nicht auf eine emotional aufgewühlte Diskussion einlassen.

 

„Danke schön, Lea“, sagte er so freundlich wie möglich, „ich denke, du solltest den Leuchtturm jetzt verlassen. Warum setzt du dich nicht in unseren Wagen, hörst Musik und entspann dich ein wenig? Ich bin sicher, dass ich in zehn Minuten wieder zurück bin – und zwar unversehrt. Es sei denn, ich finde Svenja und Tim, dann muss ich schauen, wie ich am besten helfen kann, und es könnte länger dauern. Aber falls du doch recht behalten solltest, und ich unsere Freunde im Turm nicht finde, dann werden wir uns eben etwas anderes überlegen, wie wir sie finden können.“

 

Paul machte eine kleine Pause, als denke er angestrengt über alternative Möglichkeiten nach. Dann sagte er: „Vielleicht sind sie ja zu einer ersten Wanderung aufgebrochen. Am westlichen Ende dieses Hochplateaus soll es einen nicht zu steilen Pfad hinunter in ein kleines, grünes Tal mit einem schönen Wasserfall geben. Tim könnte dieses Ausflugsziel auf einer Wanderkarte entdeckt haben.“

 

„Und du glaubst wirklich, sie sind zu einer Wanderung aufgebrochen, ohne vorher ihren Bus zu verriegeln und die Fenster zu schließen?“ „Ach Lea, ich weiß auch nicht“, sagte Paul, der jetzt merkte, wie Ärger in ihm hochstieg. „Ich gehe jetzt einfach weiter diese Treppe hinauf. Also bis später.“

 

Lea, die wusste, dass jede Erwiderung nun sinnlos war, sah, wie Paul die nächsten Stufen in Angriff nahm, mit einem Tempo, das sie für völlig übertrieben und sehr leichtsinnig hielt. Dieser Idiot, dachte sie und merkte, wie sie wütend wurde. Als sie sich umdrehte, um wieder hinab zu gehen, stellte sie fest, dass ihr das Licht von Pauls Taschenlampe fehlte.

 

Sie dachte kurz nach, dann beschloss sie, sich für den Rückweg ganz behutsam an der Wand entlang zu tasten. Jeden Schritt wollte sie noch vorsichtiger machen als vorhin beim Hinaufgehen. Und das tat sie auch, aber die Angst blieb, in dieser Düsternis zu stürzen 

 

5.

 

Fünf Minuten später hatte Lea es geschafft. Sie stand vor der Eingangstür des Turms, klopfte sich den Staub von ihrer Jacke und Hose und schüttelte ihren Kopf, um wenigsten einen Teil der grauen Partikel in ihren Haaren loszuwerden. Eine Dusche würde mir jetzt gut tun, dachte sie.

 

Ihr fiel ein, dass sie mit etwas Wasser aus einer im Auto verbliebenen Outdoor-Flasche ihr Gesicht säubern könnte, und begann in Richtung des Kombis zu laufen. Sie hatte das Auto gerade erreicht, als ihr Blick auf einen Gegenstand fiel, der neben der Beifahrertür des direkt vor ihrem Kombi parkenden VW-Busses lag.

 

Lea war sich relativ sicher, das dieser Gegenstand vorhin, als Paul und sie sich den Bus näher angeschaut hatten, noch nicht dort lag. Nach ein paar Schritten erkannte sie, dass es sich bei dem Gegenstand um ein Portemonnaie handelte. Sie bückte sich und hob die Geldbörse auf. Sie war aus dunkelbraunem Leder gefertigt.

 

Lea hatte ein mulmiges Gefühl, als sie das Portemonnaie öffnete. Ihr Blick fiel sofort auf den Personalausweis, der hinter einer durchsichtigen Plastikfolie steckte. Das Bild darauf zeigte das Gesicht von Tim.

 

Mit zitternden Händen steckte Lea das Portemonnaie in ihren kleinen Rucksack. Besorgt fragte sie sich, warum Tims Geldbörse direkt neben dem Bulli lag. 

 

Ein lautes Krachen und Bersten riss Lea aus ihren Gedanken. Sie drehte sich zum Leuchtturm, denn von dort kam das Getöse. Dann war es plötzlich still, und Lea sah, wie eine große, graue Staubwolke aus der offenen Turmtür drang.

 

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag: Um Himmelswillen, dachte sie, Paul ist noch im Turm. Sofort lief sie zum Eingang des Leuchtturms, vor dem eine dicke Staubschicht den Boden bedeckte.

 

Lea fiel ein, dass es im Gebäude dunkel war und sie keine Taschenlampe hatte. Doch da hatte sie eine Idee. Ich könnte ja auch mit meinem Handy leuchten, dachte sie, allerdings geht das sehr zu Lasten des Akkus, und den wollte ich eigentlich schonen, denn wer weiß, wann ich ihn wieder aufladen kann.

 

Als sie sich daran erinnerte, dass es hier oben am Leuchtturm keinen Mobilfunk-Empfang gab, fiel ihr der Entschluss leicht. Sie holte ihr Smartphone aus dem Rucksack, aktivierte es und schaltete die Taschenlampen-Funktion ein. Dann ging sie durch die Tür, den Leuchtstrahl des Handys auf den Boden vor ihr gerichtet.

 

Lea machte nur vier Schritte, dann musste sie stoppen. Vor ihr türmten sich große und mittlere Gesteinsbrocken auf. Sie schätzte, dass der entstandene Wall mindestens eineinhalb Meter hoch war, und sie konnte sich nicht vorstellen, ihn zu überwinden. Dann fiel ihr Blick auf ein längeres Stück, das aus dem Steinhaufen herausragte. Die Form ließ Lea nicht daran zweifeln, dass es sich um ein Stück der Treppe handelte.

 

Um Himmelswillen, dachte Lea, anscheinend ist ein Teil der Steintreppe heruntergestürzt. Sie hielt ihr Handy nach oben, bis der Lichtstrahl auf ungefähr halber Turmhöhe ein Teil des Geländers erhellte. Es sah so aus, als hätte das herausgebrochene Treppenstück einen Teil der Turmwand mit sich gerissen.

 

Schockiert musste Lea erkennen, das in der Treppe ein mehrere Meter langes Stück fehlte. An dieser Stelle war in der Mauer ein großes, längliches Loch entstanden. Durch die Öffnung drang jetzt etwas Licht, so dass Lea das ganze Ausmaß des Schaden sah.

 

Ihr war klar, dass es nun unmöglich war, die Treppe zum Abstieg zu benutzen. Falls Paul sich noch im oberen Teil des Turms aufhalten sollte, dachte sie, so kann er das Gebäude nicht mehr verlassen. Dann wäre er ein Gefangener dieses schrecklichen Turms.

 

Lea konnte allerdings auch nicht ausschließen, dass Paul unter den Trümmern lag. Ich befinde mich in einem verdammten Alptraum, dachte sie, und versuchte, die aufkommende Verzweiflung zu unterdrücken. Doch sie hatte keine Ahnung, wie sie Paul helfen sollte.

 

Natürlich hoffte sie, dass ihr Mann noch lebte, deshalb rief sie mit all ihrer Lungenkraft seinen Namen, bis sie völlig erschöpft war und keinen Ton mehr herausbrachte. Dass ihre Rufe nicht erwidert wurden, verstärkte ihre Ängste noch.

 

Ratlos verließ Lea den Leuchtturm. Ihr fiel das Handy ein, mit dem sie per Notruf um Rettungskräfte bitten könnte, doch nachdem sie das Smartphone eingeschaltet hatte und die 112 gewählt hatte, musste sie feststellen, dass es immer noch nicht möglich war, einen Mobilfunk-Empfang zu erhalten, auch wenn sie eigentlich nicht unbedingt von ihrem eigenen Netz abhängig war.

 

„Verdammt“, rief sie. Enttäuscht und wütend zugleich schleuderte sie ihr Handy gegen die Turm-Mauer, wo es zerbarst und die Einzelteile auf dem felsigen Boden landeten.

 

Einen Moment starrte Lea wie hypnotisiert auf die Fragmente ihres Handys, dann durchzuckte sie ein Gedanke. Was ist, wenn Paul unter den Trümmern liegt und noch lebt? Sofort hastete sie in das jetzt nicht mehr so dunkle Innere des Leuchtturms, stoppte vor dem Steinhaufen und begann wie wild, Gesteinsbrocken zu packen, sie durch den drei Meter entfernten Eingang nach draußen zu schleppen und neben der Mauer abzulegen.

 

Als Lea unüberlegt und viel zu hastig ein dickeres Steinstück aus dem Haufen zog, rutschte ihr ein darüber liegender größerer Stein auf die rechte Hand, so dass sie vor Schmerz aufschrie. Es gelang ihr zwar, ihre Hand herauszuziehen, doch sie sah, dass die Haut über den Knöcheln aufgeplatzt war.

 

Lea dachte nicht daran, jetzt aufzuhören. Sie konnte ihre heftig pochende Hand noch bewegen, und so räumte sie weiter Steine nach draußen. Erst als sie keine Kraft mehr verspürte, sich beide Handflächen aufgerissen hatte und sie aus mehreren Fingern blutete, gab sie auf.

 

Hundemüde und resigniert stellte sie fest, dass der Steinhaufen, unter dem Paul liegen konnte, kaum kleiner geworden war. Schweren Herzens musste sie sich eingestehen, dass sie Paul so nicht helfen konnte. Doch was sollte sie bloß tun?

 

6.

 

Lea fühlte sich von der aktuellen Situation völlig überfordert. Paul befand sich im Turm, wahrscheinlich schwer verletzt oder sogar tot, und Svenja und Tim waren auf rätselhafte Weise verschwunden.

 

Vielleicht sind sie ja auch im Turm, dachte Lea, aber eigentlich hielt sie das nach wie vor für sehr unwahrscheinlich. Doch wo steckten sie dann bloß? Lea fand, das mache alles keinen Sinn, überhaupt keinen.

 

Es bleibt mir eigentlich nur noch eine Möglichkeit, dachte sie. Ich muss mich hinter das Steuer unseres Wagens setzen, die Serpentinenstraße runter bis zum Meer fahren, und dann auf der Küstenstraße weiter bis zum nächsten Ort, wo es eine Polizeistation gibt. Dort kann ich um Hilfe bitten. Vielleicht habe ich ja unten am Meer auch wieder Handy-Empfang.

 

Allerdings fühlte sich Lea mehr als unwohl bei dem Gedanken, diesen Plan umzusetzen. Es war lange her, dass sie sich hinter das Lenkrad eines Autos gesetzt hatte.

 

Zur Arbeitsstelle fuhr sie mit der Straßenbahn, den Einkauf erledigte sie mit dem Lasten-Fahrrad, weil Supermarkt, Drogerie und Bäckerei in wenigen Minuten zu erreichen waren. Und wenn sie und Paul mit ihrem Kombi in den Urlaub fuhren, Wochenend-Trips unternahmen oder Freunde und Verwandte besuchten, war es immer Paul, der das Fahrzeug lenkte.

 

Aber am schlimmsten war für Lea die Vorstellung, so viele enge Kurven fahren zu müssen, noch dazu, wenn es steil bergab ging. Schon früher, als sie noch ab und zu selbst ihren Kleinwagen gesteuert hatte, waren ihr kurvige Strecken außerhalb der Stadt nicht geheuer gewesen– und längere Auto-Touren in die Berge waren ihr sowie nur als Beifahrerin in Frage gekommen.

 

Jetzt aber musste sie versuchen, ihre Ängste zu verdrängen. Es kam nun allein auf sie an, ob es noch eine Möglichkeit gab, das Leben ihres Mannes zu retten. Und das ihrer Freunde unter Umständen ebenfalls.

 

Lea legte die paar Meter zu ihrem Wagen zurück und öffnete die Fahrertür mit dem Reserve-Autoschlüssel, den sie vor Beginn der Urlaubsfahrt in ihren kleinen Rucksack gesteckt hatte. Wenn ich das nicht getan hätte, dachte sie, dann wäre die Katastrophe jetzt perfekt.

 

Sie setzte sich hinters Lenkrad, schob ihren Sitz ein Stück nach vorn und drehte Außen- und Innen-Rückspiegel so, dass sie eine gute Sicht nach hinten hatte. Dann startete sie den Motor, atmete ein paar Mal tief durch und stellte den Schalthebel des Automatik-Getriebes von P auf D.

 

Sie wollte gerade den Fuß vom Bremspedal nehmen und Gas geben, als sie daran dachte, zuerst ein Stück rückwärts fahren zu müssen, da Paul den Kombi ja direkt hinter den VW-Bus von Svenja und Tim geparkt hatte. Also stellte sie den Hebel auf R, gab zu viel Gas, so dass der Wagen einen Satz nach hinten machte. Vor Schreck   bremste Lena so stark, dass sich der Sicherheitsgurt schmerzhaft in ihren Oberkörper drückte.

 

Lea stand der Schweiß auf der Stirn. Ihr Atem ging schnell, ihr war heiß, aber ihre Hände fühlten sich eiskalt an. Sie brauchte ein paar Minuten, bis sie sich so weit beruhigt hatte, um endlich losfahren zu können.

 

„Ich werde es schaffen“, sagte sie laut, während sie vorsichtig den Kombi von dem geraden Fahrweg in die erste, enge Kurve steuerte. „Ich werde es schaffen“, wiederholte sie mit fester Stimme, „weil ich es schaffen will.“ Und dann, nach einer kleinen Pause, in noch entschlossener klingendem Ton: „Weil ich es schaffen muss!“

 

Mit klammen Händen und klopfendem Herzen steuerte Lea den Kombi so vorsichtig wie möglich durch die engen Kurven. Sie war froh, dass ihr bislang kein Auto entgegen gekommen war, denn die Straße war so schmal, dass zwei Fahrzeuge nicht nebeneinander passten. Und die steile Felswand auf der rechten Seite bot nur alle paar hundert Meter ein wenig Platz, um ausweichen zu können.

 

Gut, dachte Lea, dass dieser alte Leuchtturm in Reiseführern und auf Internet-Portalen nicht als lohnendes Ausflugsziel für Touristen erwähnt wird. Andererseits ist das in meiner Situation alles andere als gut, wurde ihr dann klar.

 

Ab und zu konnte Lea das blaue Meer sehen, dessen Oberfläche jetzt glatt war, weil der Wind deutlich nachgelassen hatte. Sie hatte ungefähr ein Dutzend Kehren zurückgelegt, als sie mitten in einerRechtskurve plötzlich heftig aufs Bremspedal treten musste.

 

Lea konnte kaum glauben, was sie sah. Ein paar Schritte vor ihrem Wagen befand sich, quer über die Straße verlaufend, ein Spalt. Sie stellte den Motor ab, stieg aus und ging auf den Spalt zu. Fassungslos blieb sie vor der Öffnung stehen.

 

Sie schätzte, dass der Spalt mindestens zwei Meter breit war. Irre, dachte sie, das ist ja eher ein Graben. Sie machte noch einen Schritt, bis sie direkt am Rand der Öffnung stand, und schaute dann in die Tiefe.

 

Sie konnte keinen Grund erkennen. Doch das war es nicht, was Lea irritierte, denn sie war hundertprozentig sicher, dass dieser breite Spalt noch nicht existiert hatte, als Paul und sie zum Leuchtturm hoch gefahren waren. Wäre die Öffnung in der Fahrbahn schon da gewesen, dachte sie, hätten wir es ja gar nicht bis hoch zum Turm schaffen können. „Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie, und die Verblüffung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

 

Trotz aller Verwirrung versuchte Lea, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass dieser seltsame Graben da war und ein Weiterfahren natürlich unmöglich machte. Ich muss froh sein, dachte sie, dass ich das Tempo sehr niedrig gehalten habe und so diesen Monsterspalt rechtzeitig erkennen konnte. Nicht auszudenken, welche Folgen es gehabt hätte, wenn ich über ihn gefahren wäre. Da hätte unser Kombi vielleicht sogar halb hinein gepasst. Wahnsinn!

 

7.

 

Lea hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte. Sie ging wieder zum Auto und stieg ein, ohne die Tür zu schließen. Ratlos auf dem Fahrersitz hockend starrte sie auf einen blauen Streifen Mittelmeer. Ihr Kopf fühlte sich so leer an, als hätte irgendetwas all ihre Gedanken heraus gesaugt.

 

Sie wusste nicht, wie lange sie so da saß, doch irgendwann wich die Lethargie von ihr, und sie fand die Kraft, einen Entschluss zu fassen. Es war ihr klar geworden, dass sie unmöglich hier im Auto sitzen bleiben konnte, das würde überhaupt nichts bringen.

 

Ich werde zurück zum Leuchtturm fahren, sollte ich dort allerdings wider Erwarten ein Lebenszeichen von Paul oder ihren Freunden finden, dachte sie, so wäre ich nicht in der Lage zu helfen. Mein Handy hat keinen Empfang, und hier oben an diesem einsamen, gottverlassenen Ort ist keine Menschenseele.

 

Zur Küstenstraße hinunter zu laufen, war für Lea auch keine Option, denn zu versuchen, über den breiten Spalt zu springen, hielt sie für ein mehr als waghalsiges Manöver. Außerdem fehlte ihr der Mut für so etwas. Die Vorstellung, beim Versuch zu scheitern und in den Spalt zu stürzen, löste bei ihr das nackte Grauen aus.

 

Also sah Lea nur noch eine Möglichkeit: Sie musste jemanden finden, der Hilfe herbei holen konnte. Das bedeutete, sich zu Fuß auf den Weg zu machen, dem Leuchtturm den Rücken zu kehren und über das Felsplateau in Richtung der Berge zu gehen, die am Horizont mit schneebedeckten Gipfeln aufragten.

 

Lea hatte einmal gelesen, dass am Fuß dieser Gebirgskette ein kleines Dorf existierte, dessen Einwohner noch überwiegend von der Landwirtschaft lebten. Das Dorf lag nicht weit vom Komarti-Pass entfernt. Dieser Pass war der einzige befahrbare Weg, der durch das Gebirge und hinunter ins Tal des Pari-Flusses führte, wo größere Orte zu finden waren und das Dorf auf dem Plateau Anschluss an die Zivilisation hatte.

 

Lea erinnerte sich, dass sie und Paul in ihrem letzten Urlaub mit dem Auto nicht weiter als bis zum Leuchtturm gekommen waren. Ohne Fahrweg und mit unzähligen Löchern, überall herumliegenden großen Steinen sowie schwer zu erkennenden kleinen Spalten, aus denen teilweise dornige Büsche herausragten, war der felsige Grund der Ebene allerhöchstens für große Geländewagen passierbar – wenn überhaupt.

 

Das Plateau zu Fuß zu erkunden, war Lea und Paul bisher als nicht attraktiv genug und auch als viel zu anstrengend erschienen. So ein Marsch über die Hochebene wäre jetzt für mich eine Premiere, dachte Lea. Doch zuerst werfe ich noch einmal einen Blick in den Leuchtturm.

 

Lea startete den Motor und fuhr mit geringer Geschwindigkeit rückwärts bis zu einer Stelle, wo die schmale Straße für ein kurzes Stück um etwa einen Meter breiter war. Doch als sie den Kombi dort bis dicht an die Felswand gesteuert hatte, hielt sie an. 

 

Mag sein, dachte sie, dass hier gerade so zwei recht schmale Fahrzeuge nebeneinander passen, aber an dieser Stelle ihren langen Kombi zu wenden, hielt sie für unmöglich – und für gefährlich noch dazu. Auf der anderen Straßenseite gab es keine Begrenzung, nach ein paar trockenen Grasbüscheln neben dem löchrigen Asphalt ging es fast senkrecht in die Tiefe.

 

Die Wahrscheinlichkeit, an einer der wenigen, noch folgenden  Straßenverbreiterungen eine bessere Gelegenheit zum Wenden vorzufinden, hielt Lea für gleich Null. Und überall wäre es ein mehr als waghalsiges Manöver.

 

„Verdammt“, rief sie, als ihr bewusst wurde, dass sie das Auto hier stehen lassen musste, wenn sie vom Leuchtturm aus über das felsige Hochplateau gehen wollte, um dort oben vielleicht auf Menschen treffen zu können – Menschen, die in der Lage waren, Hilfe zu holen. Den schrecklichen Gedanken, dass diese Hilfe unter Umständern nur darin bestehen könnte, die Steine im Turm beiseite zu schaffen, um Leichen zu bergen, konnte sie nicht verdrängen.

 

Lea packte eine Wasserflasche, ein paar Eiweißriegel und einen dünnen Baumwollpulli in ihren Rucksack, setzte ihre rote Baseball-Kappe auf und verließ den Wagen. Sie schloss das Fahrzeug ab und machte sich auf den Fußmarsch, der ihm Grunde ein Aufstieg war, denn bis zum Leuchtturm, das war ihr bewusst, ging es ein paar hundert Meter recht steil bergauf.

 

Nach etwa zehn Minuten war Leas T-Shirt durchgeschwitzt. Am Himmel zogen jetzt größere Wolken auf, worüber Lea froh war, denn die Mittagssonne heizte die Luft stark auf. Als sie den Turm endlich erreicht hatte, war sie sehr durstig, doch sie zwang sich, nur einen kleinen Schluck aus der Wasserflasche zu trinken, denn sie wusste nicht, wie lange der Rest noch reichen musste.

 

Um die Spitze des Leuchtturms herum flog krächzend eine Schar schwarzer Vögel, die Lea für Krähen hielt. Obwohl sie ein paar Mal in die Hände klatschte, ließen sich die Vögel nicht vertreiben und krächzten noch lauter und aufgeregter. Lea, die weder abergläubisch noch besonders ängstlich war, konnte nicht anders, als die Hartnäckigkeit der dunklen Vögel, die weiterhin wild um den Leuchtturm herum flatterten, für ein böses Omen halten.

 

Sie hatte den Eindruck, als wollten die Krähen ihr mit ihrem Verhalten eine Botschaft überbringen, eine düstere Nachricht von Schicksal und Tod. „Fang jetzt bloß nicht an zu spinnen, Lea Steiner“, murmelte sie und klammerte sich an den Gedanken, dass es noch keinen Grund gab, die Hoffnung aufzugeben.

 

8.

 

Lea ging durch die Eingangstür des Turms, blieb vor dem Trümmerhaufen stehen und lauschte. Gottseidank haben die Vögel ihr Lärmen eingestellt, dachte sie, so kann ich mich hier drinnen vollkommen darauf konzentrieren, ob ich doch noch etwas höre, was auf den Verbleib von Paul oder den anderen im Turm schließen lässt – und darauf, dass noch jemand von ihnen lebt.

 

Wie lange Lea angestrengt lauschend im Turm vor dem Gesteinshaufen stand, wusste sie nicht, doch als sie plötzlich ein Knirschen hörte, zuckte sie zusammen. Das Knirschen schien von ganz oben zu kommen. Schnell verwandelte sich dieses Geräusch in ein Rumpeln und Reißen, dem ein dumpfes Grollen folgte, das sich blitzschnell näherte.

 

Lea geriet in Panik. Reflexartig drehte sie sich um und hastete zur Tür. Einen Schritt vor der Tür hörte sie, wie hinter ihr schwere Gesteinsbrocken auf den Schutthaufen und den Boden prallten. Draußen lief sie weiter, um möglichst weit weg vom Leuchtturm zu gelangen, dabei ließ sie ein ohrenbetäubendes Getöse vermuten, die komplette Treppe stürze ein – oder vielleicht sogar der ganze Turm. 

 

Als sie glaubte, einen genügend sicheren Abstand zum Leuchtturm erreicht zu haben, blieb sie stehen, schnappte heftig nach Luft und wandte sich um. Die dichte Staubwolke, die aus der Turmtür drang, verhinderte den Blick auf die untere Hälfte des Gebäudes, doch im oberen Teil konnte Lea tiefe Risse im Gemäuer erkennen. An einer Stelle war wohl ein großes Stück der Mauer herausgebrochen und wahrscheinlich in den Turm hinein gestürzt.

 

Gebannt starrte Lea auf den Leuchtturm. Nach ein paar Minuten hatte sich der größte Teil des Staubs gelegt, so dass Lea wieder eine freie Sicht zur Turmtür möglich war. Der Anblick war ein Schock für sie. Fassungslos musste sie erkennen, dass nicht nur der komplette Eingang von Gesteinsbrocken blockiert war, sondern auch noch Trümmer und Schutt bis ein paar Meter vor die Türöffnung geschoben worden waren.

 

Lea war klar, was das bedeutete. Gab es vorhin noch eine kleine Hoffnung auf ein Lebenszeichen im Turm, so war diese jetzt vollständig zerstört. Wer sich vorhin noch im Turm befand, dachte sie, konnte jetzt unmöglich mehr am Leben sein. Und das betrifft auf jeden Fall Paul.

 

Tränen liefen über Leas staubbedeckte Wangen. Sie wandte sich vom Leuchtturm ab und starrte über die Hochebene in Richtung des Gebirges, dessen Namen sie vergessen hatte, doch die Berge lagen hinter dunklen Wolken verborgen.

 

Lea fragte sich, ob es nicht eine Täuschung gewesen war, als sie vor wenigen Stunden die schneebedeckten Gipfel dieser Berge gesehen hatte. Vielleicht existieren sie ja gar nicht, dachte sie, und verschmierte ihre Tränen mit dem Staub im Gesicht, allerdings fehlte ihr eine Erklärung, warum dies so sein sollte.

 

Keine Ahnung, wie ich auf so etwas komme, dachte sie. Aber das Dorf am Ende des Hochplateaus gibt es bestimmt, schließlich habe ich ja einen Bericht darüber gelesen, auch wenn ich nicht mehr weiß, wo und wann.

 

Diese Siedlung musste ihr Ziel sein, das war Lea jetzt vollkommen klar. Hier am Leuchtturm kann und will ich nicht bleiben, dachte sie, und der Rückweg hinab zum Meer ist mir ja versperrt. Also bleibt mir gar keine andere Wahl.

 

Als Lea ihren Marsch startete, hatten sich dieWolken über dem Meer aufgelockert, so dass sie ab und zu die Sonne oder zumindest ein Stück von ihr sah. Darüber war sie froh, denn so konnte sie den Sonnenstand nutzen, um grob die Himmelsrichtung zu bestimmen. Sie wusste, dass sie nach Norden gehen musste, auf das Gebirge zu. Und da über der gesamten Hochebene immer noch dichte Wolkenmassen lagen und von den Bergen nichts zu sehen war, nutzte Lea die Sonne als Kompassersatz.

 

Die Wanderung über die Hochebene war nicht ungefährlich, wie Lea schnell erkannte, denn ständig musste sie achtgeben, nicht in eine Spalte oder ein Loch zu treten – tückische Vertiefungen, die in dem so flach erscheinenden Felsplateau zahlreich vorzufinden waren.

 

Sie hatte keine Ahnung, wie weit es bis zu dem am Fuß der Berge liegenden Dorf war. Ohne Handy-Empfang und eine Landkarte sah sie keine Möglichkeit, die Entfernung zu bestimmen. Sie hoffte, dass sie es bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen würde, das Dorf zu erreichen, und dass die Sonne bis dahin ihr Wegweiser blieb.

 

Alle paar Minuten drehte Lea sich zur Sonne um, damit sie nicht die Orientierung verlor und in eine falsche Richtung ging. Über dem Meer war es jetzt völlig wolkenlos, doch die Wolken vor ihr verhinderten nach wie vor die Sicht auf die Berge. 

 

9.

 

Lea wusste nicht, wie lange sie schon gelaufen war, da meinte sie plötzlich, weit vor sich eine Gestalt zu erkennen. Leas Puls beschleunigte sich, und ganz automatisch ging sie schneller. Die Gestalt war noch weit von ihr entfernt, und doch konnte Lea feststellen, dass sie sich in die gleiche Richtung wie sie fortbewegte, allerdings deutlich langsamer, denn der Abstand zu ihr verringerte sich zusehends.

 

Ein wenig später fiel Lea auf, dass die Gestalt eine Kopfbedeckung trug, einen Hut, der für sie, nachdem sie wieder ein Stück näher herangerückt war, wie eine Art Cowboy-Hut aussah. Lea erinnerte sich, dass Tim in ihrem letzten, gemeinsamen Urlaub immer einen ledernen Cowboy-Hut auf dem Kopf gehabt hatte, damit, wie er grinsend erklärt hatte, seine Geheimratsecken keinen Sonnenbrand bekämen.

 

Lea war jetzt völlig aufgeregt. Sollte das wirklich Tim sein, der da vor ihr ging? Die grüne Jacke, in die der Mensch gekleidet war, sprach dafür, denn soweit Lea sich erinnerte, trug Tim oft eine grüne Outdoor-Jacke bei ihren gemeinsamen Wanderungen oder Ausflügen. Aber wo war dann Svenja?

 

Leas Aufregung steigert sich noch, als sie sah, dass der vermeintliche Tim stehen geblieben war, sich umdrehte und ihr mit beiden Armen heftig zuwinkte. 

 

Er hat mich gesehen, dachte Lea, und vielleicht auch erkannt. Sie blieb ebenfalls stehen und winkte zurück, so lange und heftig, bis sie ihre schmerzenden Arme für eine Pause sinken lassen musste. Aber dafür setzten sich ihre Beine wieder in Bewegung. Und dann geschah etwas, was Lea nicht verstand.

 

Tim blieb nicht stehen, um auf Lea zu warten, sondern drehte sich um und setzte sich wieder in Bewegung. Ratlos begann Lea zu rufen. „Hallo Tim“, rief sie, denn mittlerweile war sie felsenfest davon überzeugt, dass der Mensch vor ihr nur Tim sein konnte. „Ich bin’s, Lea. So warte doch auf mich, Tim“, rief sie, so laut sie konnte.

 

Doch Tim blieb nicht stehen. Zu Leas völligem Unverständnis beschleunigte er noch seine Schritte, denn der Abstand zwischen ihr und ihm begann sich wieder zu vergrößern. So sehr sie sich auch bemühte, ihr Geh-Tempo zu erhöhen, so wenig war dies erfolgreich. Während ihre nachlassende Energie dazu führte, das sie immer langsamer wurde, schien Tim sich immer schneller fortzubewegen.

 

Das Rufen hatte Lea längst aufgegeben, und bald war Tim nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne. Als auch dieser Punkt nicht mehr erkennbar war, merkte Lea, dass sie kaum mehr Kraft in ihren Beinen hatte. Erschöpft und frustriert setzte sie sich auf einen größeren Felsbrocken und gönnte sich einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Sie hatte keine Ahnung, was Tims sonderbares Verhalten bedeuten könnte.

 

Er muss mich doch erkannt haben, dachte sie, es kann gar nicht anders sein. Verstört und ratlos saß sie eine ganze Zeit lang auf dem Stein. Ein plötzlicher Windstoß ließ sie aus ihrer Lethargie erwachen. Ich muss weiter, dachte sie, hier sitzen zu bleiben und zu versuchen, dieses verrückte Rätsel zu lösen, ist keine Option.

 

Lea stärkte sich mit einem Eiweißriegel aus ihrem Rucksack und trank noch einmal ein wenig aus ihrer Wasserflasche, dann setzte sie ihre Wanderung fort. 

 

Um Kräfte zu sparen, hielt Lea ihr Tempo moderat, so als befinde sie sich eher auf einem Sonntags-Spaziergang als auf einer Wanderung– schließlich wusste sie nicht, wie lang sie noch auf den Beinen sein musste. Sie freute sich über den frischen Wind, der sie umwehte und ihr erhitztes Gesicht kühlte.

 

Nach einer Stunde, vielleicht waren es auch schon zwei, hielt Lea Ausschau nach einem passenden Felsstein für eine weitere Pause. Sie spürte, dass ihr Körper nach einer kleinen Auszeit verlangte, und wollte sich nicht auf den rissigen Boden hocken, der jetzt überwiegend von vielen kleinen Steinsplittern bedeckt war.

 

In etwa dreißig Metern Entfernung entdeckte sie einen Felsen, der mit seiner Höhe und seiner glatten Oberfläche ihr gut für eine Sitzpause geeignet schien. Als sie den Felsblock erreicht hatte, fiel ihr Blick auf etwas, das hinter dem Stein lag – und das sie nicht gleich identifizieren konnte.

 

Als Lea erkennen konnte, was es war, begann sie am ganzen Körper zu zittern. Zweifellos handelte es sich um einen menschlichen Arm, der völlig verbrannt aussah. Entsetzt fiel Lea auf, dass sich die Hand zu einer dürren, schwarzen Klaue verformt hatte.

 

Lea war klar, dass der ganze Arm, an der die gruselig anzuschauende Hand hing, einem Feuer ausgesetzt sein musste, doch über die Umstände konnte sie noch nicht einmal spekulieren. Am Ende des Arms, dort, wo er wie und durch was auch immer von der Schulter getrennt worden war, erkannte sie ein paar Fetzen angebrannten, blauen Stoffes.

 

Der Schock des schrecklichen Anblicks löste Übelkeit bei Lea aus, und einen Moment lang hatte sie das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Doch dann sah sie etwas, das sie von ihrer üblen Verfassung ablenkte. An einem der rußig-schwarzen Finger-Rudimente leuchtete etwas – und dieses Leuchten erlangte Leas vollkommene Aufmerksamkeit.

 

Von einer düsteren Ahnung erfüllt umrundete Lea den Felsblock, bis sie direkt vor dem verbrannten Arm stand. Sie bückte sich zur Handkralle hinab und nahm das, was an dem kohlrabenschwarzen Finger so auffällig golden leuchtete, genauer in Augenschein.

 

Der goldene Ring, der einen starken Kontrast zu den schwarzen Fingern der Hand bildete, war Lea wohlbekannt. Auf einer kleinen, runden Erhöhung des Ringes waren die Buchstaben S und L eingraviert. S wie Svenja und L wie Lagermann.

 

Lea wusste, dass Heinz Lagermann, Svenjas Vater, diesen Ring seiner Tochter kurz vor seinem tragischen Unfalltod geschenkt hatte. Und sie wusste auch, dass Svenja dieses Schmuckstück niemals ablegen würde.

 

Ein Schwindel erfasste die immer noch zitternde Lea, und sie musste sich auf den Steinblock setzen. Während tausend Gedanken gleichzeitig durch ihren Kopf schossen, konnte sie den Blick nicht von Leas Arm lösen.

 

10.

 

Als das Zittern nachgelassen hatte, gelang es Lea, aus dem Gedankenwirrwarr ein paar zu lösen, und ganz automatisch verwandelten sich diese Gedanken in Fragen. Was um Himmelswillen ist bloß mit Lea passiert? Wo befindet sich der restliche Körper meiner Freundin? Und hat Tim auf seiner Wanderung vielleicht ebenfalls Svenjas Arm gefunden?

 

Bei aller Aussichtslosigkeit, momentan Antworten auf diese Fragen zu erhalten, war Lea eines klar: Sie glaubte nicht, dass Svenja noch lebte.

 

Auf einmal verspürte Lea einen starken Impuls, sofort diesen schrecklichen Ort zu verlassen. Da ihr gleichzeitig in den Sinn kam, dass sie sich auf der Hochebene vielleicht selbst in Gefahr befand, ließ sie ihren Blick in alle Richtungen schweifen, ohne irgendetwas Bedrohliches entdecken zu können.

 

Sie bemerkte, dass die Sonne bereits einen recht tiefen Stand im Westen erreicht hatte, und vermutete, der Sonnenuntergang würde wahrscheinlich in eineinhalb, höchstens aber in zwei Stunden stattfinden.

 

Lea erhob sich von ihrem steinernen Sitz, orientierte sich kurz, wo jetzt Norden war, und machte sich wieder auf den Weg. Die Ungewissheit, wohin dieser Weg führen würde, versetzte sie in eine beklommene Stimmung. – ein Gefühl, das nicht mehr weit von Angst entfernt war.

 

Sie hatte gerade den letzten Schluck Wasser aus ihrer Outdoor-Flasche getrunken, als sie Svenja fand. Ihre Freundin lag auf dem Rücken, ihren linken Arm ausgestreckt nach Osten zeigend, als habe dies eine besondere Bedeutung. Der rechte Arm fehlte. Dort, wo er anscheinend abgetrennt oder herausgerissen worden war, sah der blutverkrustete Rand des blauen Anoraks, den Svenja trug, zerfetzt und angebrannt aus.

 

Erstaunlich gefasst schaute Lea auf ihre tote Freundin, doch was sie dann aus der Fassung brachte, war Svenjas Gesichtsausdruck. Ein Lächeln umspielte ihre blassen Lippen, und aus großen, blauen Augen blickte sie in den bewölkten Himmel hinauf, als habe sie kurz vor ihrem Tod dort etwas Wundervolles, etwas ungemein Tröstliches gesehen.

 

Lea drängte sich der Eindruck auf, Svenjas Miene spiegele etwas total Entrücktes wider, strahle eine seltsame Zufriedenheit aus. Sie schüttelte den Kopf, wieder und wieder. „Was soll das denn alles?“, murmelte sie – und schlug die Hände vor’s Gesicht. Ihr war nach Weinen zumute, doch ihre Augen blieben trocken.

 

Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte, nichts schien mehr einen Sinn zu machen. Hilflos starrte sie in den Himmel, als käme von dort vielleicht ein Rat, ein Vorschlag, eine Lösung. Natürlich war ihr klar, dass sie derartiges nicht erwarten durfte.

 

Doch dannn hatte Lea eine Idee – und setzte sie umgehend um. Sie zog ihre Jacke aus und bettete sie behutsam über Svenjas Gesicht. Aus ihrem Rucksack kramte sie den letzten Power-Riegel heraus und legte ihn neben die verbliebene Hand ihrer toten Freundin. Wäre noch Wasser in ihrer Flasche gewesen, hätte sie diese ebenfalls dort hingestellt.

 

Dann schulterte sie ihren kleinen Rucksack, sagte, „wir sehen uns, Svenja“, und setzte ihre müden Beine in Bewegung. Ein Blick nach Westen teilte ihr mit, dass es nicht mehr lange bis zum Sonnenuntergang dauern würde.

 

Beim Gehen achtete sie jetzt besonders auf Risse und Löcher im felsigen Boden. Angesichts ihrer Müdigkeit und nachlassender Konzentration wollte sie es vermeiden zu stürzen und sich dabei zu verletzen. Ein verstauchter Knöchel oder blutige Knie wären das Letzte, das ich jetzt gebrauchen würde, dachte sie.

 

Als sie wieder einmal aufblickte, stellte sie fest , dass die Wolken im Norden verschwunden waren. Aber da gab es noch eine Veränderung … Wie ein Blitz durchzuckte sie die Erkenntnis, was anders war. Die Berge waren nicht mehr zu sehen.

 

Das kann nicht sein, dachte Lea, ich bin doch immer nach Norden gegangen, und vor einigen Stunden hat sich die Bergkette mit ihren schneebedeckten Gipfeln noch ganz klar am nördlichen Horizont abgezeichnet.

 

Lea war völlig verwirrt. Sie blieb stehen und schloss ihre Augen für ein paar Sekunden, aber als sie sie wieder öffnete, blieben die Berge immer noch verschwunden.

 

Vielleicht sind meine Nerven überreizt, dachte sie, und dann kommt noch meine Erschöpfung dazu. Ich sollte einfach weitergehen, und nach einiger Zeit sind die Berge dann bestimmt wieder zu sehen – und ich werde feststellen, dass sie gar nicht mehr weit entfernt sind.

 

Also setzte Lea ihren Fußmarsch fort. Sie blickte kurz nach Westen und bemerkte, dass die Sonne mittlerweile sehr tief stand. Lea schätzte, dass sie in zwanzig Minuten untergegangen sein würde. Und dann wird es schnell dunkel werden, dachte sie, weigerte sich aber, darüber nachzusinnen, was das für sie bedeuten würde.

 

11.

 

Irgendetwas ließ ihren Blick, der wieder auf den löchrigen Boden direkt vor ihr gerichtet war, nach oben heben. Und da war er wieder, keine hundert Meter von ihr entfernt. Er trug immer noch den Cowboy-Hut und die grüne Jacke. Allerdings schwenkte er diesmal seine Arme nicht, sondern stand einfach nur da und starrte zu ihrer herüber.

 

Die Strahlen der bald untergehenden Sonne leuchteten in sein Gesicht, und Lea meinte zu erkennen, dass es maskenhaft und ausdruckslos war.

 

Verblüfft fragte sie sich, warum sie Tim nicht schon eher gesehen hatte. Es kam ihr so vor, als sei er urplötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht, regelrecht aus dem Boden geschossen. Völlig verrückt, dachte sie, beschleunigte ihre Schritte und rief: „Hallo Tim, hallo, bitte bleib doch stehen.“ Aber Tim antwortete nicht. Allerdings rührte er sich auch nicht vom Fleck.

 

Lea hörte plötzlich ein Zischen, und den Bruchteil einer Sekunde später beobachtete sie, wie – vielleicht zwanzig Meter von Tim entfernt –  ein Feuerball mit lautem Knall auf dem Felsboden aufschlug und in tausend brennende Stücke zerbarst.

 

Erschrocken blieb Lea stehen. Instinktiv hielt sie sich die Hände vor’s Gesicht, doch keiner der brennenden Splitter traf sie. Nach ein paar Sekunden senkte sie ihre Hände wieder und blickte zu der Stelle, wo Tim gestanden hatte. Er stand immer noch dort, allerdings jetzt ohne Hut auf dem Kopf. Nicht weit von ihm entfernt lagen unzählige kleine, brennende und rauchende Trümmerteile.

 

Zum Glück scheint Tim unversehrt zu sein, dachte Lea, doch eine Sekunde später vernahm sie wieder das Zischen, sofort gefolgt von einer ohrenbetäubenden Detonation. Instinktiv schloss Lea ihre Augen, aber als sie sie nach einiger Zeit wieder öffnete, konnte sie Tim nicht mehr sehen. Genau an der Stelle, wo er vorhin noch gestanden hatte, war jetzt ein großes, trichterförmiges Loch im Felsboden entstanden, eine Vertiefung, aus der Rauchschwaden in den Himmel stiegen.

 

Lea war vollkommen schockiert. Ihr war bewusst, dass dieser zweite Feuerball, der Tim getroffen hatte, sein Leben ausgelöscht haben musste. „Erst Svenja – und jetzt Tim“, murmelte sie, und dass Paul ebenfalls tot war, davon war sie überzeugt.

 

Vielleicht trifft mich ja auch bald so ein Feuerball und löscht mein Leben aus, dachte Lea, und ich habe nicht die geringste Ahnung, woher diese Bälle kommen und aus welchem Grund wir sterben müssen. An ein zufälliges Naturereignis wollte und konnte sie nicht glauben.

 

Eine seltsame Lethargie legte sich über Lea. Sie war völlig erschöpft und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. In ihrem Kopf war nichts außer einem dunklen Nebel. Ohne dass es ihr bewusst wurde, setzten sich ihre schmerzenden Füße in Bewegung.

 

Benommen ging sie weiter in Richtung Norden und lief dabei am rechten Rand des Kraters vorbei, ohne einen Blick in die Vertiefung zu werfen. Nach vielleicht fünfzig Metern wurde Leas Unterbewusstsein auf etwas Merkwürdiges aufmerksam, das auf dem Boden lag. Leas Augen fokussierten sich auf den kleinen, länglichen Gegenstand – und mit einem Mal war sie wieder hell wach.

 

Lea schrie auf, als sie erkannte, was da lag. Es war ein schwarz-verbrannter Finger. Oh Gott, dachte sie, der gehört bestimmt zu Tim. Ich muss hier weg, sofort!

 

Sie wollte jetzt nur noch eines: dem ganzen Irrsinn entfliehen. All diesen verrückten Dingen und Ereignissen, die für sie überhaupt keinen Sinn ergaben, schnellstmöglich den Rücken kehren. Doch wie sollte ihr das bloß gelingen?

 

Lea drehte sich nach Westen und sah, wie die Sonne genau in diesem Augenblick unterging. Schlagartig wurde alles in ein seltsam diffuses, blass-orange farbiges Licht getaucht. Lea war klar, dass dieses Licht schon bald in eine Dämmerung übergehen würde, die, immer schwächer werdend, letztlich als Dunkelheit enden musste. 

 

Ihr fiel auf, dass keine Wolke mehr am Himmel war. Vielleicht kann ich ja in einer sternenklaren Nacht so viel sehen, dass ich auf meinem Weg nicht verunglücke, hoffte sie. Sie musste diesen Weg weiter gehen, das stand für sie außer Frage. Auch wenn er sie vielleicht nie ans Ziel führen würde – wofür ja einiges sprach, wenn sie ehrlich zu sich selbst sein wollte.

 

Aber sie klammerte sich an dem Gedanken fest, dass sie noch ein Chance hatte, sollte diese auch noch so klein sein. Und diese Chance will ich unbedingt nutzen, dachte sie. Die Mischung aus Trotz, festem Willen und unverbesserlichem Optimismus zauberte ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht.

 

Während sie weiterging, wurde ihr bewusst, dass sie ja noch lebte. Kein weiterer Feuerball war vom Himmel gefallen, mit dem Ziel, sie zu treffen und zu töten. Und als Lea merkte, dass immer noch keine Dämmerung eingesetzt hatte, sondern statt dessen das diffuse Licht weiterhin leuchtete und für eine passable Sicht sorgte, schöpfte sie neue Hoffnung.

 

Anscheinend wird es gar nicht dunkel, stellte sie erstaunt aber freudig fest, was eigentlich gar nicht sein kann. Allerdings war sie viel zu müde, um darüber nachzugrübeln, warum dies so war.

 

Sie spürte, dass trotz ihrer Erschöpfung noch ein Rest Energie in ihrem Körper steckte, und gab ihren Beinen den Befehl, sich in Bewegung zu setzen – und die schmerzenden Gliedmaßen gehorchten.

 

12.

 

Es wurde tatsächlich nicht dunkel, doch Lea hatte längst aufgehört, sich darüber zu wundern. Es ist wie es ist, dachte sie, und das ist gut für mich. Obwohl jeder Schritt ihr jetzt signalisierte, dass auch ihre allerletzten Energie-Reserven bald aufgebraucht sein würden, fühlte sie sich erstaunlich gut.

 

Angesichts der schrecklichen Ereignisse in den letzten Stunden genoss sie die optimistische Stimmung, in der sie sich jetzt befand, auch wenn ihr die neue Gelassenheit noch ein wenig unheimlich erschien.

 

Leas Optimismus bekam noch einen zusätzlichen Schub, als sie plötzlich am Horizont wieder die Gebirgs-Silhouette erkennen konnte, doch diesmal schienen die Berge zum Greifen nah zu sein. Bei aller Euphorie fragte sie sich, ob sie ihren Augen wirklich trauen sollte, doch dann beschloss sie kurzerhand, das Zweifeln aufzugeben und jeder neuen Realität Vertrauen zu schenken. Oder dem, was ihr als augenblickliche Wirklichkeit erschien.

 

Der Eindruck, die Gebirgskette selbst würde sich ihr nähern, und zwar in einem enormen Tempo, verwirrte Lea zunächst, aber nach kurzer Zeit begann sie zu glauben, dass es wirklich so sein musste. Schließlich bewegte sie selbst sich nicht in der Geschwindigkeit eines Formel-Eins-Rennwagens, sondern eher im Schneckentempo.

 

Der Steinboden, auf dem Lea sich fortbewegte, war jetzt recht eben  und wies so gut wie keine gefährlichen Löcher oder Risse mehr auf. Eine weitere erfreuliche Entwicklung, dachte sie, doch ihre Freude wurde von dem Durst gedämpft, der sie mittlerweile arg quälte.

 

Vielleicht taucht ja gleich ein Bachlauf vor mir auf, dachte sie, mit kühlem, klarem, im Kiesbett dahin plätscherndem Wasser, so dass ich mich erfrischen und mein ausgetrockneter Körper auftanken kann. Und dann ist es bestimmt gar nicht mehr weit bis zu den von saftigen Wiesen und fruchtbaren Feldern umgebenen Dorf am Fuß der Berge.

 

Im Dorf werde ich von freundlichen, hilfsbereiten und großzügigen Menschen aufgenommen, die mir für unbegrenzte Zeit ein Dach über dem Kopf anbieten und mich mit Essen und Trinken versorgen. Ich kann mich dort ausruhen und um Paul, Svenja und Tim trauern, bis ich bereit bin, mit der Vergangenheit abzuschließen. Dann werde ich neuen Lebensmut verspüren und einen Plan für die Zukunft schmieden.

 

Abrupt wurde Lea aus ihren träumerischen Gedanken gerissen. Von einer Sekunde auf die andere waren die nahen, hoch aufragenden Berge verschwunden. Stattdessen erstreckte sich vor ihr jetzt ein endlos erscheinender Ozean, der in dem immer noch vorhandenen blass-orangefarbenen Licht seltsam surreal aussah.

 

Fassungslos fragte sich Lea, was jetzt wieder passiert sei, und blieb stehen. Ihr kam in den Sinn, dass sie vielleicht schon so dehydriert war, dass ihr Verstand verrückt spielte und sie Trugbilder sah. Sie schloss ihre vor Trockenheit brennenden Augen, zählte langsam bis Zehn, ohrfeigte sich einmal rechts und einmal links und öffnete die Augen wieder. Das Meer war immer noch da.

 

Langsam setzte sich Lea wieder in Bewegung, obwohl ihr nicht klar war, was jetzt ihr Ziel sein sollte. Mit schweren Schritten ging sie wie mechanisch ein paar Minuten weiter, während ihre Gedanken immerzu um die Frage kreisten, wohin der Weg denn jetzt führen würde. War ihr neues Ziel das Meer? Aber was erwartete sie dort? Eher der Tod als das Leben, befürchtete sie.

 

Dann realisierte sie, dass ihr Weg in ein paar Metern enden würde. Sie machte noch ein paar vorsichtige Schritte und stoppte direkt vor einer senkrecht hinab fallenden Felskante. Tief unter ihr wogte das Meer, dessen Rauschen ihr hier oben warnend in den Ohren klang.

 

Sie schätzte, dass sie sich mehrere hundert Meter über dem Meer befand, und machte vorsichtshalber wieder einen Schritt zurück. Die Furcht erfüllte sie, beim Blick in die Tiefe könnte ihr schwindlig werden, und sie sah sich schon in den sicheren Tod stürzen.

 

Lea war mit ihren Kräften am Ende, physisch wie psychisch. Sie setzte sich auf den Felsboden und blickte auf die weit entfernte Linie, wo der Himmel das Meer berührte.

 

Falls nicht noch ein Wunder geschieht, dachte sie, werde ich hier an dieser Steilküste verdursten. Vielleicht verändert sich aber ein weiteres Mal die Wirklichkeit um mich herum, so dass ich noch eine Chance bekomme, am Leben zu bleiben. Nicht auszuschließen ist es allerdings auch, dass mir doch noch ein Feuerball auf den Kopf fällt.

 

Wenn dies alles nicht geschehen sollte, so dachte Lea weiter, und mein Durst unerträglich geworden ist, dann werde ich mich einfach von dieser Felskante fallen lassen, um den Geschöpfen des Meeres einen Besuch abzustatten. Für einige von ihnen bin ich dann bestimmt eine willkommene Nahrung.

 

Diese Vorstellung erheiterte Lea, und sie verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen, das auf Beobachter einen recht unheimlichen Eindruck machen würde. Aber außer Lea befand sich hier oben, nah am Abgrund und wohl auch am Ende ihres Weges, niemand. Da bemerkte Lea, wie ein vom Meer kommender Vogel direkt auf sie zuflog und wenige Meter neben ihr kurz vor der Felskante landete.

 

13.

 

Lea sah, dass es sich um eine recht große Möwe handelte, vielleicht eine Mantelmöwe, dachte sie. Diese stattliche Möwe drehte sich jetzt zu ihr hin und starrte sie mit ihren perlenartigen Augen an. Merkwürdig, dachte Lea. Sie hatte den Eindruck, als wolle die Möwe etwas von ihr. Vielleicht ist sie hungrig, überlegte sie, aber ich habe leider nichts, was ich ihr geben könnte.

 

Und dann geschah etwas, was Lea sich zunächst überhaupt nicht erklären konnte. In ihrem Kopf war auf einmal deutlich eine Stimme zu hören.

 

„Erschrick bitte nicht“, sagte diese ruhig und sonor klingende Stimme, „aber ich habe eine gute Nachricht für dich. Im Gegensatz zu den beiden Menschen, die zuerst am Leuchtturm angekommen waren, bist du auserwählt, uns bei der Rückreise zu unserem Heimatplaneten zu begleiten. Allerdings wird nur dein Geist mit uns reisen, deine körperliche Hülle wird hier zurück bleiben müssen.“

 

Während Lea verblüfft die Worte in ihrem Kopf auf sich wirken ließ, fiel ihr auf, dass die Möwe sie immer noch anstarrte. Und dann     war ihr plötzlich klar, warum. Es ist der Vogel, der mit mir kommuniziert, dachte sie, und dessen Gedanken dringen– wie auch immer – in meinen Kopf ein, so als spräche die Möwe selbst zu mir. Das ist doch völlig verrückt, murmelte sie. Aber eine andere Erklärung hatte sie nicht.

 

Nachdem sie sich ein wenig gefasst hatte, drängte sich eine Frage in den Vordergrund ihres mehr als stark beanspruchtenVerstandes, und ihre Stimme zitterte, als sie diese Frage stellte. „Aber warum um Himmelswillen mussten meine Freunde sterben? Und noch dazu auf eine solch grausame Art?“

 

Die Möwe schloss für einige Sekunden ihre Augen, und als sie sie wieder öffnete, strömten ihre Gedanken ins Lenas Kopf. „Leider haben sie sich durch ihr Verhalten als ungeeignet erwiesen, für uns in wissenschaftlicher Hinsicht nützlich zu sein, und so konnten sie uns nicht begleiten. Immerhin haben sie noch einen Zweck erfüllt, als wir unsere neu entwickelte Waffe an ihnen ausprobiert haben. Dafür gebührt ihnen natürlich unser Dank.“

 

Lea war so schockiert, dass ihr keine Erwiderung einfiel. Und schon drangen die in Sprache umgewandelten Gedanken der Möwe – oder des Wesens aus dem All, das den Vogel für die Kommunikation benutzte – wieder in ihren Kopf.

 

„Du allerdings erfüllst alle Voraussetzungen, um dem Expertenteam auf unserem Heimatplaneten für intensive Forschungen zur Verfügung gestellt zu werden. Allerdings ist dein Körper, wissenschaftlich gesehen, völlig uninteressant. Für deinen Geist gilt aber das genaue Gegenteil. Gern hätten wir auch den Geist deines Partners auf unsere Rückreise mit genommen, doch leider ist er ja durch sein leichtsinniges Verhalten zu Tode gekommen. Seinen Geisteszustand und sein Gefühlssystem näher zu untersuchen, wäre für unsere Wissenschaftlicher sicherlich von höchstem Interesse gewesen.“

 

„Dann habt ihr Paul also nicht umgebracht?“, fragte Lea. „Wenn Paul der Name deines Begleiters ist, der im Leuchtturm sein Leben gelassen hat, dann haben wir mit seinem Tod nichts zu tun“, erwiderte die Stimme in Lenas Kopf.

 

Lea wusste nicht, ob sie dies glauben sollte, doch dann dachte sie, dass dies jetzt auch egal sei.

 

Ihr fiel die Bemerkung ein, die der Vogel über die geplanten Forschungen auf dem Heimatplaneten der Außerirdischen gemacht hatte. „Was sind das denn für Untersuchungen, die mit mir beziehungsweise mit meinem Geist durchgeführt werden sollen, nachdem ich euch auf der Rückreise begleitet habe? Und wie muss ich mir das eigentlich vorstellen, wenn mein Geist von meinem Körper getrennt wird?“

 

Diesmal schloss die Möwe für längere Zeit die Augen, bis sie diese nach einer für Lea gefühlten halben Ewigkeit wieder öffnete. Die dann in Leas Kopf fließenden Worte klangen schärfer und distanzierter als zuvor. „Ich kann und darf dir nur so viel sagen: Der Vorgang, deinen Geist aus deinem Körper zu lösen, kann mit einem gewissen Unbehagen verbunden sein, aber keine Sorge, es dauert nicht lange und ist, wie unsere Experten mir versichert haben, absolut auszuhalten. Und wenn die Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen sein sollten, besteht die Möglichkeit, deinen Geist in einer neuen Hülle wieder zurück zur Erde zu bringen.“

 

Wieder folgte eine Pause, doch diesmal dauert sie nur wenige Sekunden. „Was deine erste Frage betrifft, so kann ich dir folgende Informationen geben. Im Forschungszentrum unseres Heimatplaneten wird dein Geist, oder deine Seele, wie es ja bei euch auch heißt, in einer Reihe von Versuchen in die verschiedensten realistischen Szenarien geschickt. Dein Geist wird dann in diverse Gestaltformen und Körperstrukturen eingebunden werden und absolut echt wirkenden Aktionen und Erlebnissen ausgesetzt, um die Reaktionen der Gefühle festzuhalten und zu messen. Da die Gefühle eurer Spezies für uns sehr schwer zu verstehen und kaum greifbar sind, existiert, insbesondere für die Wissenschaftler, ein außerordentlich großes Interesse an diesem Thema. Vor allem Gefühle wie Schmerz, Angst oder Trauer stehen da im Focus der Forschung. Unsere Experten wollen herausfinden, was bestimmte Gefühle auslöst und welche Faktoren für ihre Veränderungen verantwortlich sind, also für ihre Verstärkung – beziehungsweise ihre Abschwächung.“

 

„Dann soll ich also euer Versuchskaninchen werden?“, fragte Lea, jetzt sichtlich und hörbar erregt. „Ich weiß leider nicht, was du mit diesem Begriff meinst“, antwortete die Alien-Möwe per Gedankenübertragung. „Aber falls du meinen solltest, dass dein in einem bestimmten Körper steckender Geist während der Tests die entstehenden Gefühle so wahrnimmt, wie du als Mensch hier in der Wirklichkeit deines Leben auf der Erde, so will ich dir nicht widersprechen.“

 

14.

 

Fassungslos erkannte Lea, dass sie mit ihrer Befürchtung richtig lag. Es klang wie der Plot eines düsteren Science-Fiction-Romans: Aliens wollen Menschen verschleppen, um auf ihrem Planeten schlimme Versuche mit ihnen durchführen zu können. Auch wenn Lea sich nicht vorstellen konnte, mit welcher Methode es ihnen gelingen sollte, nur ihren „Geist“ mitzunehmen.

 

Wie auch immer, dachte Lea, ich will es eigentlich gar nicht wissen – und Objekt eines solchen Verfahrens will ich keinesfalls sein, vor allem kein hilfloses Versuchskaninchen. Sie war davon überzeugt, dass alles eigentlich nur gruselig sein kann, gruselig und grausam.

 

Lea überlegte, wie sie jetzt reagieren solle, doch recht schnell kam sie zu dem Schluss, dass sich nicht umhin käme, den Plänen der Aliens eine Absage zu erteilen. Doch zuerst wollte sie noch etwas wissen.

 

Sie saß immer noch auf dem Felsboden, doch jetzt stand sie auf. „Hör zu, Außerirdischer“, sagte sie, dabei bemüht, möglichst cool und selbstbewusst zu klingen, „wie du in Wirklichkeit aussiehst, ist mir ziemlich egal, und vielleicht ist es auch besser, wenn ich es gar nicht weiß. Aber eines möchte ich doch zu gern wissen. Was passiert eigentlich, wenn ich mich weigere, meinen Geist vom Körper trennen zu lassen, damit ihr ihn mit auf eure Reise nehmen könnt, um ihn dann später Versuchen und Experimenten auszusetzen?“

 

Die Flügel der Möwe zuckten ein paar Mal, um sie anschließend auszubreiten, so dass Lea schon dachte, sie flöge gleich davon, aber der Vogel klappte seine Schwingen wieder ein und begann, die Gedanken des Aliens zu übertragen.

 

„Es wäre äußerst bedauerlich, wenn du dich mit einer Beteiligung an unseren Forschungen nicht einverstanden erklären solltest, denn unser Experten-Team glaubt, dass die Untersuchungen deines Geistes zu bahnbrechenden Erkenntnissen führen könnten. Im Übrigen hast du eine völlig falsche Vorstellung von den Bedingungen, unter denen die Studien durchgeführt werden. Alles ist so geplant und programmiert, dass dein Wohlbefinden zu jeder Zeit gesichert ist.“

 

„Trotzdem möchte ich nicht mitmachen“, antwortete Lea. „Wirklich schade“, kam sofort die Antwort, „allerdings wollen wir dich auch nicht zu einer Teilnahme zwingen. Denn wenn deine Widerstände zu groß sein sollten, hätte dies einen erheblichen Einfluss auf den Wert und die Aussagekraft der Testergebnisse – und die aufwändigen Testreihen könnten am Ende völlig umsonst durchgeführt worden sein.“ „Na gut“, sagte Lea, „dann ist die Sache ja klar, und ich würde gern bei meinem Nein bleiben.“

 

15.

 

Die Möwe hob ihren Kopf, als sei ihr erst jetzt aufgefallen, dass Lea aufgestanden war. Lea hatte den Eindruck, als drückten die Perlenaugen des Vogels, die sie direkt anblickten, eine Art Mitleid aus, doch gleichzeitig dachte sie, dass dies überhaupt nicht möglich sein konnte.

 

„Ist das dein letztes Wort?“ Lea wunderte sich, dass der Frage des Außerirdischen, die in ihrem Kopf als Stimme zu hören war, ganz deutlich Enttäuschung anhaftete – und vielleicht auch eine Spur Bedauern. Aber sicherlich bilde ich mir das nur ein, dachte Lea, so wie ich mir einbilde, dass die Möwe selbst die Fähigkeit besitzt, sich mit mir telepathisch zu verständigen.

 

„Ja, das ist mein letztes Wort.“ Lea war überrascht, wie selbstbewusst, fest und unwiderruflich ihre Antwort klang. Sie erwartete eine Reaktion, eine Erwiderung, doch mindestens eine Minute lang geschah nichts dergleichen. Dann breitete die Möwe auf einmal ihre Flügel aus, erhob sich elegant in die Lüfte und flog davon – in Richtung des offenen Meeres.

 

Lea war verblüfft und merkte, wie eine große Verunsicherung von ihr Besitz ergriff. Außerdem stellte sie fest, dass sich das Licht änderte. Das orange-farbige Licht, das bislang für eine passable Sicht gesorgt hatte, wich jetzt schnell einer grauen Dämmerung.

 

Und dann kam Wind auf. Es fühlte sich für Lea an, als hätte irgendjemand einen riesigen Föhn eingeschaltet – und zwar gleich in der höchsten Leistungsstufe. Sie spürte, wie der von Süden kommende Wind wuchtig in ihren Rücken drückte, und sie musste ihre ganze Kraft aufwenden, um von den plötzlichen Böen nicht umgestoßen zu werden.

 

Ohne es zu wollen, machte sie bei ihren Versuchen, das Gleichgewicht zu halten, ein paar stolpernde Schritte nach vorn, auf die nahe Felskante zu. Doch der jetzt laut heulende Wind legte noch zu – und zwar gewaltig.

 

Dann passierte es. Eine besonders heftige Bö erfasste Lea, und ehe sie sich versah, wurde sie über die Kante gedrückt. 

 

Leas letzter Gedanke im freien Fall, bevor ihr Körper auf der steinharten Meeresoberfläche aufschlug und zerschmettert wurde, war: Gut, dass ich kein Versuchskaninchen von Aliens werde – irgendwo ganz weit draußen, in einer fremden, fernen Galaxie.